Zwischen Eisgipfeln und Regenwald
Am 11. November vergangenen Jahres trafen sich auf dem Flughafen von Madrid 16 Leute aus ganz Deutschland mit einem gemeinsamen Ziel: die „Straße der Vulkane" in Ecuador. Obwohl keiner den anderen kannte, verstanden wir uns von Anfang an bestens, wie bei „Bergmenschen" - zumindest meistens - üblich.
Nach 11-stündigem Flug über den Atlantik erschien unter uns das Häusermeer von Quito, der Landeshauptstadt. Daß diese von Bergketten umrahmte Stadt selbst schon 2800 Meter hoch gelegen ist, bereitete uns am Ankunftsabend im wahrsten Sinne des Wortes etwas Kopfschmerzen. Am nächsten Tag waren diese bei einem Akklimatisations und Kulturstreifzug durch die Stadt aber schon verflogen. Es boten sich vielfältige Eindrücke: der Kontrast von moderner Großstadt und der Altstadt in traditionell spanischem Barock sowie die ersten Kontakte mit der freundlichen einheimischen Bevölkerung.
Am nächsten Tag brachte uns unser Reisebus in den Norden des Landes. Dort besuchten wir zunächst einen traditionellen Markt in der Stadt Otavalo, bevor wir am Nachmittag zu einer ersten Akklimatisationstour aufbrachen. Wir umrundeten einen Kratersee auf herrlichen Panoramawegen, wobei ganz nebenbei schon eine Höhe von fast 3700 Metern erreicht wurde. Die eigentlich „harmlos" gedachte Tour wurde allerdings zum Ende hin noch zu einer echten Anforderung: Wir trafen auf eine Frau, die offenbar höhenkrank - am Wege lag und nicht mehr in der Lage war, auch nur einen Schritt zu gehen. Auf einer aus Anoraks und Rucksäcken gebauten Trage schleppten wir diese Frau auf steinigen und engen Pfaden fast drei Stunden bis an die nächstgelegene befahrbare Piste, wo sie vom bereits verständigten Krankenwagen übernommen wurde. Der Abend am Kaminfeuer entschädigte uns jedoch für alle Strapazen.
Am nächsten Tag stiegen wir an einem erloschenen Vulkan erstmals über die 4000er-Marke. Dies war die Akklimatisierungs Philosophie unseres Bergführers: Jeden Tag einige hundert Höhenmeter mehr und immer wieder Zwischenabstiege bis ins Tal. Auf einer Höhe von etwas über 4400 Metern zeigte sich dann auch erstmals das Wetter von der rauheren Seite: Sturm, Nebel und Schneetreiben!
Nach Rückfahrt und Übernachtung in Quito fuhren wir am nächsten Tag auf abenteuerlicher Schotterpiste bis auf 3700 Meter hoch, um von dort aus den 4781 Meter hohen „Hausberg" von Quito zu besteigen. Wieder führte der Weg anfangs noch durch grüne Mattenregionen mit exotischer Flora schließlich bis in felsige und steile Gipfellandschaft mit sehr „herbstlichem" Wetter.
Am Tag darauf brachte uns der Bus auf einer anderen Abenteuer-Piste zu unserem nächsten Ausgangspunkt auf ca. 4000 Metern (wobei er übrigens einen Achsbruch erlitt). Von hier aus begann der Aufstieg zum Illiniza - 5126 Meter hoch! Als Hochlager dient hier eine Hütte in 4750 Meter Höhe mit ausgesprochen spartanischer Ausstattung, u. a. vierstöckigen(!) Lagern. Aus allerlei Gemüse, dass von der Gruppe mit heraufgetragen worden war, zauberte unser multitalentierter Bergführer jedoch eine schmackhafte Suppe. Die Übernachtung in der beträchtlichen Höhe war ein echter Akklimatisierungstest, dennoch gelang es am nächsten Tag der gesamten Gruppe, den Gipfel bei Traumwetter zu erreichen - für die meisten (wie z. B. für mich) ihren ersten „Fünftausender"! Vom Gipfel aus bot sich ein herrliches Panorama, das von dem benachbarten Cotopaxi (5897 m) dominiert wurde - dem „idealen" Vulkankegel, unserem nächsten Ziel.
Nach einem Zwischentag mit Auffrischung unserer Lebensmittel- und Wasservorräte sowie einer für die Höhe von 4000 Metern überraschend komfortablen Übernachtung stiegen wir am Folgetag auf zur Hütte „Dose Ribas", dem Basisquartier für die Cotopaxibesteigung in 4800 Metern Höhe. Der Gipfelgang begann nachts um 1.00 Uhr im Licht der Stirnlampen bei eisigen Temperaturen und stetigem Wind, der sich in höheren Lagen zum Sturm entwickelte. Ab etwa 5000 Höhenmetern ist der noch tätige Vulkan in unerwartet ausgeprägter Weise vergletschert, wobei die Steilheit der Eisflanken nach meiner Schätzung bis an 50 Grad heranreichte, zumal in Gipfelnähe, wo auch die Luft merklich dünner wurde - gute Kondition und solide Eiserfahrung unerläßlich! Im ersten Morgenlicht erreichten wir den Gipfel, der leider im Nebel steckte. Allenfalls der gewaltige Krater ließ sich für kurze Momente schemenhaft sehen. Das arktische Wetter gestattete es auch nicht, auf bessere Sicht zu warten. Im Abstieg wurden wir jedoch mit herrlichem Fernblick sowie unvergesslichen Eindrücken von der beeindruckenden Gletscherwelt des Cotopaxi entschädigt.
Als absolutes Kontrastprogramm bezogen wir an diesem Abend Quartier in einem 300 Jahre alten Landschloss mit exotischem Park, das zum Hotel umfunktioniert worden war - mehrgängiges Menü und Live Folkloremusik zum Diner inklusive!
Am nächsten Tag verließen wir dieses Idyll schweren Herzens in Richtung Riobamba, der Provinzhauptstadt am Fuß des Chimborazo. Dieser Vulkanriese, an dem sich schon Alexander von Humboldt versucht hat, ist mit 6310 Metern der höchste Berg Ecuadors. Seine gewaltigen Dimensionen erschließen sich bereits während der Busanfahrt, wenn man die eisbedeckten Flanken und Felswände des Berges mehr als 3000 Meter hoch vor sich aufragen sieht. Wohl kaum jemand aus unserer Gruppe, der in diesen Momenten nicht von leisen Zweifeln geplagt worden wäre, ob wir an diesem Berg nicht vielleicht doch fehl am Platz seien.
In der Basishütte auf 5000 Höhenmetern übernachteten wir nach einer köstlichen, wiederum vom Bergführer entworfenen Abendmahlzeit - wenn man bei der Weckzeit 22.00 Uhr überhaupt von „Übernachtung" sprechen kann. Der Anstieg wurde eine Stunde später begonnen, bei stirnlampensparendem Mondlicht und windstillem, wenn auch klirrend kalten Wetter. Er zog sich über acht Stunden hin, so lange benötigt man für 1300 Höhenmeter bei dieser Höhenlage und entsprechender Sauerstoffkonzentration! Benötigt wurde auch eine ganze Portion Gleichmut für den himmellangen Gletscheranstieg mit annähernd konstanter Steilheit von etwa 40 Grad. Hier mussten auch erstmalig drei aus unserer Gruppe aufgeben. Die anderen wurden jedoch am Gipfel, den wir nach Sonnenaufgang erreichten, mit schier endloser Fernsicht bei Idealwetter belohnt. Ganz Ecuador mit all seinen anderen Eisriesen schien uns zu Füßen zu liegen...
Nach Abstieg und Fahrt ins Tal und einer abenteuerlichen Fahrt mit der Anden Eisenbahn „verlegten" wir in die Stadt Banjos, bereits an der Obergrenze des Amazonas-Regenwaldes gelegen. Über der Stadt thronte majestätisch der 5023 Meter hohe Tungurahua, ein aktiver Vulkan, letztmalig ausgebrochen im Jahr 1999. Die Stadt hingegen lag unterhalb der 2000-MeterMarke. Entsprechend waren auch Klima und Vegetation, wie geschaffen zum „Relaxen", womit wir nun auch die verbleibenden Tage ausfüllten. Nach Eis und Schnee boten eine Mountainbike-Tour oder auch zwei mehrstündige Touren mit einer 250ccm-Enduro auf anspruchsvoller Piste willkommene Abwechslung.
Leider näherte sich der Tag der Abreise unaufhaltsam. Ein letztes Abenteuer- es wurde just an diesem Tag die einzige Straße nach Quito mit Sitzstreik belegt, so dass unser Bus einen mehrstündigen Umweg über Pisten nehmen musste, die ich im Normalfalle höchstens mit der Enduro befahren hätte... Nur folgerichtig, dass ein Reifen des Busses diese Fahrt nicht überlebt hat.
Als unsere Maschine am Abend des 27.11. vom ecuadorianischen Boden abhob, schienen Monate voller Erlebnisse hinter uns zu liegen. Erlebnisse, von denen man in unseren „heimischen Niederungen" hoffentlich noch lange zehren kann.
Adios, Ecuador!
Ein Reisebericht aus Ecuador - von unserem Mitglied Albrecht Börner (Informationen zum Diavortrag)
1 Tag 17 Stunden
2 Tage 13 Stunden
1 Woche 9 Stunden